U-Ville
Klassischer Sonntag, war soeben 5 Minuten ausser Haus. Es spricht einiges dafür, dass ich mich in Wien befinde, andererseits begegnete mir im Stiegenhaus eine Horde von mindestens 20 Indern in traditioneller indischer Kleidung, alle auf dem Weg zu meinen folklore-liebenden und lebenden Nachbarn: der ganze zweite Stock ein anderer Kontinent. Der heute mal wieder besonders gut riecht, die indischen Schwaden bis auf die Strasse. Nur einhundert Meter Fussweg bis zu meiner Greisslerin, gerade vor mir wankt ein sehr alter Hamburger Kapitän in den Laden.
Die ersten Worte „Zwei Liter Milch!“ entlarven den weissbärtigen Herrn in der blauen Kapitänsjacke allerdings als Holländer, der ausser Milch noch Käse und Schinken zu erwerben gedenkt und alles ganz genau wissen will, was sich mit seiner Schwerhörigkeit nur leidlich verträgt. Meine ca. 80 Jahre alte Greisslerin und Kapitän Schon-Lange-a.D. brüllen sich über die Theke hinweg an, und ich schwanke zwischen Ungeduld und dem nerdigen Wunsch nach einer Aufnahmemöglichkeit zwecks späterer Veröffentlichung im Internetz.
Austausch ist Jazz.
Käpt´n Ichhörwohlnichtrichtig findet die Preise gesalzen, und den Schinken zu fett: er müsse nämlich auf seine Linie achten. Er streckt mir, dem bis jetzt unbeteiligten Beobachter, zu Verdeutlichung seinen nicht sonderlich beeindruckenden Bauch entgegen. Ich stimme ihm zu, zeige auf meinen Bauch. Die Greisslerin entscheidet sich nun, mich vorab zu bedienen, was schade ist, ich wäre doch gerne bis zum Ende geblieben. Immerhin komme ich dadurch noch ins Gespräch mit dem alten Seebär, er übt laute Kritik an meinem Einkauf, und bricht eine Lanze für Milch: ein Mann sollte mindestens einen Liter Milch pro Tag trinken. Er wäre bereits achtundachtzig Jahre alt, look at me, Milch sei dank. Ich ziehe meinen Hut und verspreche, seinen Rat zu beherzigen.
Ich habe tatsächlich Respekt vor dem alten Sack. Er wackelt zwar mit jedem Schritt, als wäre er auf hoher See, und der Wellengang heute: niet zo lekker. Doch Weisheit hin oder her: zu erzählen hat Kapitän Milchbart sicher einiges. Und wer weiss wie lange noch?
Ich mache den Vorschlag, Kontaktdaten zu tauschen. Aktion Jugend zeigt Interesse. Er weiss leider nur seine halbe Adresse auswendig, und ich schreibe meine Telefonnummer auf eine seiner Milchpackungen.
(...)
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